Nadia Shehadeh: Wie heißt ihr Großvater?

Ein großer Teil meiner Großfamilie lebt in den palästinensischen Autonomiegebieten in der Westbank, und wenn ich sie besuchen will, fahre ich dorthin.

Der Weg führt über Amman. Der McDonalds des Frankfurter Flughafens ist stets Ausgangspunkt von allem. Pappige Cheeseburger, ein Plastikbecher Cola, im Hinterkopf bereits die mich erwartende Falafel-Überdosis abgespeichert, die mir als Kind irgendwann immer Phantasien über fettige deutsche Pommes einbrachte. Und heute, heute ist mein Bezug zu arabischem Essen nostalgisch.

Im Flugzeug nach Amman. Neben mir sitzt eine resolute ältere Dame, die einen Bildungsurlaub durch Jordanien gebucht hat. Ob ich zur Reisegruppe XYZ gehöre fragt sie mich, ich sage «nein» und: «Urlaub, Familie». Sofort steige ich in ihrer Gunst als Landes-Expertin auf. Ihre Vorfreude ist rührend, unser Gespräch ist sehr nett, sehr herzlich, aber für mich mittlerweile eine aufklärende Pflichtübung von bisher tausenden: Nein, Religion ist jetzt nicht das große Thema, nein, ich würde nicht sagen dass die Familienmitglieder meines Alters jetzt unbedingt anders wären als ich, nein, es ist kein Problem, dass ich kein Kopftuch trage, nein, es ist nicht gefährlich in der Westbank, jedenfalls nicht gefährlicher als nachts an einem U-Bahnhof in Berlin, ach, und-überhaupt.

Die Reisende lehnt sich zufrieden im Sessel zurück. Die Spannung, die ich ihr genommen habe, lässt sie in einen friedlichen Dämmerschlaf tauchen, der glücklicherweise bis zur Landung anhält. Ich stelle mir vor, dass sie und ihre Gesinnungsgenossinnen sich auf ihrer Reise verzweifelt auf die Suche nach Konflikten und Stress oder Ureinwohner*innen begeben werden – erfolglos.

Eine Stadt ist eine Stadt

Ein Land ist ein Land, eine Stadt ist eine Stadt für mich. Das heißt, Amman ist mein erweiterter Teil von Bielefeld, jegliche bisher von mir besuchte Region bisher nur die Erweiterung meines Kiezes, und noch nie habe ich versucht, für bestimmte Territorien bestimmte Verhaltensweisen oder Emotionen zu kultivieren, und deswegen tue ich überall dasselbe: Einen Flughafen verlassen, eine Zigarette rauchen, Taschen im Auto verstauen, Grundbedürfnisse abklopfen: Essen, Tee. Meine Augen nehmen keinen besonderen Zauber wahr, nichts Neues, nichts Unerwartetes, und ich frage mich manchmal, ob das das ganz normale Erbe des Hybrids ist: Die gefühlte Universalität von Umgebung, von Räumen.

Es ist kein Zerrissen-Sein, kein Zwischen-den-Stühlen, kein Zweite-Heimat-Gefühl, das ich in Amman oder Nablus oder Abu Dhabi habe: Es ist die Möglichkeit des schnellen Adaptierens, es sind Gelegenheiten reiner Gewohnheiten und der Vertrautheit, des Sachverhaltes, dort zu sein, wo auch Teile meiner kindlichen Sozialisation stattfanden, denn drei Wochen Urlaub im Kindesalter machen bisweilen mehr aus als sechs Monate Selbstfindung heute, und die Diaspora-Situation in Deutschland packt die anderen paar Prozent dazu.

Ich bin keine Touristin. Sehenswürdigkeiten interessieren mich hier nur sekundär. Jordanien, Westbank: Wie ein Familienbesuch in Ostwestfalen, nur mit mehr Zeitdruck. Viele Angehörige sehen, denn man weiß nicht, wann man das nächste Mal wiederkommt. Man weiß es nie.

Besuchsmarathon

Der Umgang mit Hauspersonal ist lässig in Amman, der Dienstleistungssektor boomt. Der Hausmeister meines Onkels, Ahmed, der die Souterrainwohnung bewohnt, kommt aus Ägypten. Er mag seinen Job, er macht ihn seit zwei Jahren. «Stress habe ich nur so ein, zwei Monate im Jahr, wenn Eurer Onkel hier ist», sagt er, schnippt seine Zigarette weg und lacht sich kaputt. Wir sitzen im Hof und rauchen, warten darauf, dass wir wieder irgendwo hinfahren, denn in der Hauptsache werden all unsere Tage strukturiert durch Besuche, Besuche, Besuche und noch mehr Besuche. Meine Handlungsfähigkeit habe ich in dem Moment abgegeben, in dem ich aus dem Flugzeug gestiegen bin. Jetzt schwimme ich nur mit im Strom der Familienpläne.

Wichtig ist nur, was derjenige, der das Auto fahren wird, sagt. «Yallah, yallah!» wird zum Taktungsmechanismus des Tages. Mein Bruder und Ahmed zünden sich noch eine Zigarette an, Ahmed sagt, dass er in ein, zwei Jahren nach Ägypten zurückgeht und sich eine Wohnung kauft, und ich ziehe noch einen Deckel von einer Pepsi-Dose, und es ist drei Uhr nachmittags – und es ist bestimmt die zehnte.

Cola und Sprite und Pepsi aus der Dose, 150 ml stilles Mineralwasser in durchsichtigen Plastikbechern, wie mit einem Jogurt-Deckel versiegelt und in Containern aus den Emiraten importiert, Fast-Food, der Siegeszug der 240-Watt-Lampen in jedem Zimmer, Autofahren bis kein Arzt mehr kommt, Fressmeilen, Shopping-Malls, noch mehr Malls, Plastikfolien als Einmal-Tischdecken: Jede Umweltorganisation, die man nach Amman schicken würde, würde nach drei Tagen völlig am Ende das Land wieder verlassen.

Ein Eldorado des Konsums, hier wird nicht gekleckert, hier wird geklotzt, hier ist alles überdimensional, in Restaurants scheinen auf einen Gast fünf Kellner zu kommen, ich wische meine Hände einmal an einer Serviette ab und schon wird mir eine neue hingelegt, «shukran», und ich erzähle meiner Cousine aus Abu Dhabi mal wieder, dass man in Deutschland halt eher zuhause kocht und isst und sie lacht: «Du meine Güte, aber – wozu

Verstreute Familie(n)

Die Amman-Tage sind der Überfahrt in die Westbank obligatorisch vorgeschaltet. Die Route hat sich bewährt – Jordanien ist das perfekte Vorspiel für einen Westbank-Besuch. Acht Millionen Jordanier, viele davon mit palästinensischem Background. Die Familien sitzen überall verteilt, in den Golfstaaten primär, die Devisen fließen und alles ist top in Schuss. Ein typischer Jordanien-Witz könnte so gehen, dass mich jemand fragt: «Wie viele Autos hast du?», und ich würde antworten: «Keins» – und die Pointe wiederum wäre dann von mir.

Für unsere Verwandtschaft ist schon seit Jahren klar: In Deutschland lebt man als arme Socke, und um zu überleben, muss man sich den ganzen Tag abstrampeln. Ich sitze in Jordaniens reduziert eingerichteten Häusern und denke, dass sich die wahre Armseligkeit in dem Sachverhalt widerspiegelt, dass man im europäischen Indoor-Umfeld lauter Schrott in der Bude ansammelt, um das Gefühl von «Nest» zu bekommen – um dann mit letzten Kräften nach Feierabend drum herum zu putzen. «Ich muss entrümpeln, wenn ich wieder zuhause bin», denke ich. Darauf den hundertsten Liter Pepsi aus der Dose. Cheers.

Jordantal, es geht rüber in die Westbank. Mit dem Taxi an die Grenze, mit dem Gepäck an eine Überfahrtsbushaltestelle, die Taschen werden wischi-waschi kontrolliert und in einen Bus geladen. Alles dauert ewig, man kauft seine Tickets, guckt am Schalter in einen Gesichtsscanner. Irgendwann rumpelt man weiter. Jetzt wird alles weitere Stunden dauern. Ich schalte mein Zeitgefühl ab und trotte nur noch allem hinterher, was irgendwie einen Plan von der Grenzübergangskiste hat.

«Wie heißt ihr Großvater?»

Der israelische Grenzübergang. Zwei Stunden Schlange-Stehen an einem Schalter, und dann geht die übliche Befragung geht los: Wo wollen Sie hin, wie lang bleiben Sie, wie heißt Ihr Großvater, fahren Sie nach Jerusalem, wie lang bleiben Sie, wie heißt Ihr Großvater, wo wollen Sie hin, fahren Sie auch nach Jerusalem – und überhaupt, wie heißt Ihr Großvater? Mein Bruder und ich werden vom Rest unserer Truppe getrennt und in ein Séparée gebeten, wir sollen einen Zettel ausfüllen, ich lese die erste Frage: «Wie heißt Ihr Großvater?» Ich soll aufschreiben, wo ich arbeite, und am Ende lasse ich eine Visitenkarte meiner Firma da, was soll’s, beschleunigen wir dir die Abläufe.

Wir werden in einen Warteraum gesetzt, vorgesehen für die Fälle, in denen es länger dauert. Eine Vierertruppe aus Offenbach sitzt neben uns, unsere Pässe haben wir seit drei Stunden nicht mehr gesehen, die Vierer-Gang die ihren ebenfalls nicht, und um die Langeweile zu überbrücken, kommen wir ins Gespräch. Zwei der Wartenden werden zum Gespräch mit Grenzbeamten gebeten, sie kommen nach zehn Minuten wieder und lachen sich kaputt: «Die haben uns Eure Pässe vorgelegt und gefragt, woher und seit wann wir euch kennen!»

Zwischen Gähnen und Hunger und dem unbändigen Wunsch, eine zu rauchen, kommt man auf einmal auf die wahnwitzige Idee, einfach zu fragen, was mit den eigenen Pässen ist. Sechs Stunden sind vergangen.

«Excuse me, excuse me», spricht man einen der jungen Grenzposten an, und er ist in Anbetracht so viel höflichkeitsgeschwängerter Serviceerwartungshaltung erstaunt. Ein Wunder geschieht. Die Pässe halten wir tatsächlich eine halbe Stunde später wieder in der Hand. Fünf Meter neben mir sitzt ein junges Mädchen. Sie reist allein und stand am Schalter Stunden zuvor direkt vor mir und musste minutiös und immer wieder ihre Route und die Adresse ihrer Familie aufsagen. «Frag halt nach, wie lange das noch dauert und wo dein Pass ist, vielleicht geht es dann schneller! Yallah, bye!», sage ich ihr, während ich meine Taschen zusammensuche.

Zuhause ist, wo du bist

Es geht mit dem Taxi weiter. Endlich Westbank, endlich Familie, endlich das, was kein Zuhause, sondern irgendetwas Zusätzliches ist. Das Haus meiner Großeltern in Duma, nahe Nablus, ist unverändert, eine Konstante im sich stets wandelnden Autonomiegebiet. Meine Oma mochte keine Veränderungen, bis zu ihrem Tod nicht.

«Die Kinder aus Deutschland, sie kommen jetzt bald, nicht wahr? Dann freue ich mich», sagte sie noch in großer Runde, und dann machte sie die Augen zu und nie wieder auf. Das Haus ist immer ihr ganzer Stolz gewesen, gebaut in den 1950er Jahren, chinesische Fliesen, eine rundum verglaste Veranda, ein Garten voller Olivenbäume. Neun Jahrzehnte Leben, und vier Jahrzehnte davon kamen die Söhne und Töchter und deren Söhne und Töchter immer seltener, denn ja, das Exil machte es nicht einfach. Warum die ganzen Enkelkinder nicht einfach nach Nablus kommen und heiraten würden und einfach blieben, fragte sie sich oft, und was sollte man dazu sagen außer ein müdes Inshallah?

Mit dem anderen Auswanderer-Zweig der Familie, der sich in den Emiraten niedergelassen hat, versucht man, im Schnellverfahren all das, was man über die Jahre nicht mitbekommen hat, zu inhalieren. Das klappt niemals. Man reicht sich selbst von Onkel zu Tante von Onkel zu Tante, von Essen zu Essen, man lässt sich ganz in den Modus erdrückender Gemütlichkeit fallen, den vor allem Großfamilien im Überfluss anbieten. Einmal untergehen im Kollektiv, noch öfter durch Nablus laufen, ohne dass man als «fremd» klassifiziert wird. In der Altstadt breche ich mir ständig einen mit einem Englisch-Arabisch-Kauderwelsch ab – und werde allenfalls gefragt, aus welchem Dorf meine Familie kommt.

Der «Konflikt» mit Israel ist in der Westbank weniger präsent, als man es dank Facebook und Al Jazeera und Co. eingetrichtert bekommt; es dominiert der Alltag, die Lebensrealität.

Schäden gibt es. Auf «unserer» Seite: 70 abgeholzte Olivenbäume kurz vor unserer Anreise, die mein Großvater vor 50 Jahren angepflanzt hatte. Aufregung gibt es nicht, eher business as usual, und schließlich müssen die Soldaten da halt auch ihren Job machen, «das müsse man halt auch mal so sehen». Keine Aufregung, stattdessen Alltagspragmatismus. Mein Cousin macht sich viel mehr Sorgen um uns: Ob es wahr ist, dass in Deutschland Menschen erschossen werden, die nicht von Geburt an Deutsche sind?

Universalismus der Abläufe: Wir Jungen, die sich am Smartphone kaputt daddeln, die Alten, die darüber den Kopf schütteln und uns für Dienstboten der Technik halten. Casting-Shows im Fernsehen. Diskussionen über die Qualität von Pizza Hut. YouTube-Listen erstellen, über Musik fachsimpeln. Hip-Hop ist das Phänomen unserer zweiten und dritten Generation im Ausland, lerne ich. Omar Offendum? Shadia Mansour? Kopfschütteln, kennt man nicht. Musik der Exil-Kinder für die Exil-Kinder.

Ohne Zange

Es gibt keine Katastrophen, nur einmal, sonntagmorgens, als die Pumpe kein Wasser mehr ins Haus befördert. First World Problems sind am Ende überall dieselben, das Ganze wird so schnell wie möglich repariert, und zwar: ohne Zange.

Morgens kann man in die Berge wandern und sich in den Olivenhainen auf Felsen setzen, um in die Berge zu gucken. Man schnippt die nächste Limo-Dose auf, guckt auf Felsen und Bäume und in Schluchten, und am Ende lässt man den Kippen-Stummel im kleinen Rest Pepsi verzischen. Geht man zurück ins Dorf, kommt man auf dem unwegsamen Pfad an einer kleinen illegalen Müllkippe vorbei, die Siedler eingerichtet haben.

Abends ist es kalt und windig, und wenn man auf der Veranda sitzt, pfeift der Wind aggressiv durch die Ritzen und gegen die Scheiben. Die Tür kann man immer nur wenige Sekunden aufhalten, wenn jemand kommt, weil sonst der ganze Innenraum durcheinandergewirbelt wird, Plastikbecher, leere Dosen, Servietten. Trotzdem klopft alle zwei Minuten jemand. Die Partys finden in verschiedenen Häusern statt, man hoppt von Tür zu Tür. Irgendwann steht nachts meine Tante im Getümmel, die 64 und einen Kopf kleiner ist als ich, und zieht grinsend eine Flasche Cola aus dem Ärmel. Sie freut sich, dass mein Bruder seine Zigaretten noch selbst dreht – das hat unser Opa, ihr Vater, schließlich auch immer so gemacht: «Tamam». Sie ist unsere Party-Queen.

Religion ist kein großes Gesprächsthema, Frömmigkeit sehr präsent. Ich laufe durchs Dorf, mit Band-Shirts und offenen Haaren, ohne Hijab, ich rauche, ich bin unverheiratet. Es stört niemanden, und keiner will mich belehren. Ich gehöre zu einer Familie, und das ist alles, was hier zählt, und es graut mir davor ins Deutschland der Kopftuchdebatten zurückzufliegen.

«Würdest du hierbleiben?», fragt mich meine Cousine aus Abu Dhabi irgendwann, als wir auf einem der Felsen sitzen und ich den Rauch in die Berge puste. «Inshallah», sage ich. Dieses Mal meine ich es ernst.

Nadia Shehadeh ist Soziologin, Kolumnistin und Autorin.
Illustration: → Joaquina Garotte Gasch
Dieser Text ist zuerst erschienen auf Nadia Shehadehs Blog  Shehadistan.

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